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DER LETZTE WERKELMANN

Regie: Jörg A.EGGERS
Kamera: Walter KINDLER
Drehbuch: Herbert HOLBA, Ernst A.EKKER
Schauspieler: Bruno HÜBNER, Hans PUTZ, Ernie MANGOLD, Brigitte SWOBODA, Grete ZIMMER, Günter HAEMEL, Kurt SOWINETZ, Heinz PETTERS, Herbert PROPST, Michael JANISCH, Hugo GOTTSCHLICH, Kurt JAGGBERG, Heinz MARECEK, Johann SKLENKA u.v.a.
Crew: Musik: Karl HODINA, Liedertexte: Herbert HOLBA, Produktionsleitung Günther KÖPF
Jahr: 1971
Historienfilm (89 min.)

Bisher hat es zwei Arten von Dokumentarspielen gegeben: Die Rekonstruktion einer authentischen, politisch-historischen Begebenheit oder eines authentischen Einzelschicksals.

Der Film "Der letzte Werkelmann" hat einen gänzlich neuen Weg eingeschlagen: hier wird im Grunde nicht eine spezifische Zeitgeschichte zum Anlass genommen, sondern der Zeitgeist mittels einer Kollektivstory fixiert. Die Story der Wiener Werkelmänner wurde willkürlich gewählt und ist daher auch austauschbar. Nicht austauschbar ist jedoch die optisch und sprachlich (beide Komponenten ergänzen und kontrastieren einander) bewältigte Einheit von Milieuschilderung und das darin integrierte Mosaik von Einzelschicksalen. Die nur aus ihrer Zeit heraus verständlichen, sich aus ihrer Zeit heraus entwickelnden Einzelschicksale und Situationen diktieren die Handlung; während bisher die Dramaturgie des Wiener-Films (Lokalfilms) typische "Volkseigenschaften" (Klischeevorstel-lungen) oder "Mentalitätsvorstellungen" hernahm und drum herum eine Story konstruierte oder diese durch eine Story zu belegen suchte, bedient sich "Der letzte Werkelmann" einer neuen Dramaturgie des Dokumentarfilms. Die herkömmliche Konstruktion: "Dokument plus Fiktion ist Spielhandlung" wird abgelöst durch "Dokument plus integrierter Historienschilderung ist reflektiertes Geschehen an sich" und führt zu einer objektiven Präsentation, die das Publikum in den Gesamtkomplex hineinzwingt und die konventionelle Funktion des Dokuments durch eine neue Realität ersetzt.

Verstärkt und fixiert wird der zeitliche Hintergrund außerdem durch Einblendung einer Reihe von zeitgenössischen Text- und Bildbeispielen. Eines davon - die Szene mit dem Schönerianer beweist, dass auch ein Bildinsert durch ein Handlungsinsert wirkungsvoll abgelöst werden kann. Durch die Projektion auf Schwarzfilm wird die Intensität des gedruckten Wortes unterstrichen, da das Auge keinerlei anderen optischen Reizen ausgesetzt ist.
"Der letzte Werkelmann" erfüllt die seit langem gestellte Forderung nach dem neuen Wiener Volksstück, das die Klischeevorstellungen ad absurdum führt: eine "Geschichte kleiner Leute" wird zum Stück Zeitgeschichte, das durch seine Parallelität zu Kollektiv-Stories anderer Länder zu einem allgemein gültigen Anliegen wird.

Reflexion geschichtlicher Zusammenhänge ist integrierter Bestandteil eines gesellschaftspolitischen Bewusstseins. Die fiktive Zeit-Dokumentation "DER LETZTE WERKELMANN" ist auf dieser Grundlage aufgebaut. Nicht die "Gartenlaube", sondern "nachempfundene Realität" von 1914 ist die eigentliche Substanz der filmischen Inszene: Ein kollektives Geschehen, das den Menschen erklärt und seinen Bezug zu zeitpolitischen Erscheinungen bloßlegt. Erscheinungsformen die letztlich analog in die nahe Zukunft weisen.

Der Film verzichtet auf das herkömmliche Bild des "Helden" oder "Antihelden" und zitiert stattdessen die Mechanismen menschlicher Haltungen inmitten mechanisch agierender Gesellschaftsfunktionäre.

Der historische "back-ground" ist nichts anderes als Spielfeld menschlicher Zwangsgemeinschaften und Spiegelbild einer Zeit, deren Fehlentscheidungen teilweise bis in die Gegenwart fortwirken und sich unterschwellig, fast archaisch, bemerkbar machen. Alle an dem Film beteiligten Mitarbeiter waren sich darüber klar, dass, um das Kollektivschicksal sichtbar zu machen, eine völlig neue Form erarbeitet werden musste, die adäquat zum Inhalt auf betontes Akzentuieren verzichtet. Das Stilprinzip: Gespräche in ihrem sozialen Umfeld zu belassen, d.h. z.B. Sprachfetzen und Betonung von Geräuschen sind linear von gleicher Wichtigkeit wie die verschiedenartigsten Dialektarten, die im Konnex zum Toneffekt stehen und einen Direktbezug des Zusehers zum Gesamtgeschehen intensivieren.

Der Zerfall der Donaumonarchie und das Zitieren damaliger Bewusstseinsinhalte, optisch und verbal ausgedrückt, sind Verweise auf die nahe Zukunft, Reaktionen und Aktionen sind Hinweise auf den bisher zurückgelegten Weg. Die Summe die sich aus beiden Faktenzitaten ergibt, zieht der Zuschauer selbst. Die Freiheit der Meinungsbildung ist dem einzelnen ermöglicht. Ein kritischer Film, der keine Meinungen oktroyiert sondern Denkanstöße anbietet.

Peter Spiegel

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